| Zur Geschichte des Ekkharthofs
Die Initiative von Frau Marti Hofer
Es liegt in der Natur einer solchen Einrichtung, dass bei der Beschreibung
der
Geschichte äussere Ereignisse im Vordergrund stehen, entzieht sich
doch das, was hauptsächlich Geschichte ausmacht - nämlich Leben
im weitesten Sinn - zeitlicher Festlegung. Trotzdem soll diese
innere Perspektive nicht unerwähnt bleiben.
Der Beginn liegt im Jahre 1957, als eine Arbeitsgemeinschaft das
Haus Aspen in Leimbach mietete und hier ein Heim mit Internat und
Sonderschule für
Seelenpflege-bedürftige Kinder eröffnete.
Anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie
Im Mittelpunkt der Initianten stand die spätere Begründerin des
Ekkharthofs, Marti Hofer (1915-1981). Ihr grosses Anliegen war,
dass die Kinder - und später die Erwachsenen - im Sinne der aus
der Anthroposophie Rudolf Steiners ersprossenen Heilpädagogik und
Sozialtherapie betreut und gefördert werden sollten.
Der damals herrschende Mangel an Wohn- und Schulungsplätzen für
geistig
behinderte Kinder veranlasste die Arbeitsgemeinschaft, nachdem die
Aufnahmekapazität im Haus Aspen erschöpft war, nach weiteren
Ausbaumöglichkeiten Ausschau zu halten. Durch Vorkauf konnte 1962
auf dem Seerücken in Lengwil-Oberhofen ein landwirtschaftlicher
Betrieb von einundzwanzig Hektaren gesichert werden. Damit war der
Weg für die Planung und den anschliessenden Bau des Ekkharthofs,
inklusive neuer landwirtschaftlicher Wirtschaftsgebäude, offen.
Da das Vorhaben die Möglichkeiten einer Trägerschaft auf privater
Basis bei weitem überstieg, wurde diese von dem 1963 gegründeten
Ekkharthof-Verein übernommen.
Das Konzept anthroposophischer Heilpädagogik und Sozialtherapie
erfordert die Durchgestaltung des Lebensraums der BewohnerInnen
bis zu äusseren
Gegebenheiten hin. So sollte auch die Architektur des Ekkharthofs
ihre besondere künstlerische und zweckmässige Ausgestaltung haben.
Aus diesem Grunde wurde das Architekturbüro Rex Raab, Engelberg/BRD
mit der Planung und Durchführung der ganzen Anlage betraut.
Ende März 1971 konnte mit dem Bau begonnen werden, und am 4. Oktober
1974 wurde der in drei Bauetappen entstandene Ekkharthof offiziell
eingeweiht.
Einzug und innerer Aufbau
Das eigentliche Leben am Ekkharthof begann jedoch bereits mit dem
Einzug Ende September 1973. Dreißig Kinder und fünfzehn Jugendliche
belebten nun unter recht schwierigen Bedingungen die noch nicht
ganz vollendeten Bauten.
Die folgenden Jahre waren durch den inneren Aufbau des Ekkharthofs
geprägt. Laufend wurden neue BewohnerInnen aufgenommen, so dass
1980 die Wohnheimplätze annähernd belegt waren. Entsprechend wuchs
die Zahl der Mitarbeitenden, von welchen im Bereich Betreuung ein
beachtlicher Teil - aus fremden Berufsrichtungen kommend - von Grund
auf in ihre Aufgaben eingeführt werden musste.
Die Werkstattabteilungen konnten nach und nach eröffnet werden;
Schul- und Therapiebereich, zu Beginn noch sehr eng miteinander
verknüpft, wurden eigenständiger und den neuen Forderungen entsprechend
eingerichtet.
Die Suche nach neuen Formen und Inhalten des Zusammenlebens und
Zusammenwirkens, die der vorerst riesig erscheinenden Grösse des
Ekkharthofs entsprechen konnten, formten diesen Zeitabschnitt wesentlich.
Marti Hofer als initiative Leiterin sah bald, dass die Führungsaufgaben
auf mehrere Schultern verteilt werden mussten. So bildete sich ein
Kreis von Menschen, die diese Verantwortungen nach und nach übernahmen;
die einen, von ihren Aufgaben her bedingt, mehr nach aussen, die
anderen, neben ihren angestammten Verpflichtungen, mehr
nach innen. 1978 zog sich Marti Hofer von ihren Aufgaben am Ekkharthof
ganz zurück.
Schuldenberg und andere Sorgen
Wie der bis etwa 1982 verlaufene Biografieabschnitt des Ekkharthofs
durch
charakteristische Gehversuche - bis hin zu einer gewissen Fertigkeit
im Gehen- gezeichnet war, so musste darauffolgend das Erworbene
differenziert und gefestigt werden.
Eine Schwäche, die unverändert bestand, belastete das Heim weiterhin
erheblich: Die enorme finanzielle Überschuldung. Baulasten,
deren Ausmasse von den Begründern im Vertrauen in die Zukunft unterschätzt
worden waren.
Die Anstrengungen des Geschäftsführers und der Mitarbeiterschaft
konnten hier
nicht mehr genügen. Die schwierige Situation wurde in den
Jahren 1982 bis 1984, vorab durch die finanzielle Unterstützung
der Kantone Thurgau, Zürich und St. Gallen - bewirkt durch den ausserordentlichen
Einsatz von Persönlichkeiten von ausserhalb des Ekkharthofs, unter
anderem auch des öffentlichen Lebens - vorübergehend verbessert.
Sorgen bereitete auch die ständig abnehmende Zahl der Sonderschüler.
1985 waren es nur noch deren zwanzig, und es wurde ernsthaft die
Schliessung der Schule erwogen. Dem gegenüber stieg die Nachfrage
für Erwachsenen- und lV-Lehrplätze dauernd. 1984 war das Verhältnis
Kinder/Erwachsene gegenüber 1974 beinahe umgekehrt, und auch die
Belegungskapazität annähernd erschöpft. Für
das Weiterbestehen der Ekkharthof-Sonderschule ergab sich Klarheit,
als das Sanitäts- und Erziehungsdepartement diese 1986 als Regionalschule
für den Bezirk Kreuzlingen einstufte.
Damit nahm die Zahl der Schüler wieder zu. Das Kindergartenhäuschen,
während fast zehn Jahren für andere Zwecke genutzt, konnte wieder
seiner eigentlichen Bestimmung dienen.
Es entstehen Aussenstellen
Für die Erwachsenen musste nach neuen Wohn- und zum Teil Arbeitsmöglichkeiten
gesucht werden. Resultate dieser Bemühungen waren 1980 die Eröffnung
der Aussenstelle Rosengarten in Birwinken mit 8 Wohn- und Beschäftigungsplätzen
sowie vier Jahre später jene der Aussenstelle La Muntogna mit 6
Wohn- und Beschäftigungsplätzen im zürcherischen Wernetshausen,
die im Jahre 1998 dem Verein Wehrenbach im Kanton Zürich übertragen
werden konnte und somit nicht mehr zum Ekkharthof gehört.
Wenig später entstand auch in Tägerwilen die kleine Gruppe Andreas.
Sie übersiedelte in das Haus Seeblick im Ekkharthof und wurde im
Sommer 1997 als vergrösserte Gruppe Jeanne d'Arc wiedereröffnet.
Es wurde unumgänglich, dass bei der dauernden Vergrösserung des
Ekkharthofs wiederum eine Erneuerung der inneren Organisation vorgenommen
wurde. Grössere Selbständigkeit der Bereiche und die Einsetzung
einer statutarisch verankerten Heimleitung waren 1983/1984 die wesentlichsten
Resultate.
Trotz nun deutlich voneinander abgegrenzten Verantwortungsebenen richtete sich
die Praxis der Zusammenarbeit dauernd auf das Ziel einer "Organisation
der Zukunft" (Helmuth ten Siethoff), in der jeder erwachsene Behinderte
und jeder Mitarbeiter in möglichst umfassender Selbstbestimmung
seinen Verantwortungsraum wahrnehmen soll, ohne dabei die notwendigen
Bezüge zu seinem Umfeld zu vernachlässigen. Dass diesem grossen
Ziel im Laufe der folgenden Jahre nur in bescheidenem Masse entsprochen
werden konnte, liegt wohl auch im Wesen der Sache selbst.
Weitere Aussenstellen und eine neue Phase des Aufbruchs
Die Zeit zwischen 1984 und 1991 kann als verhältnismässig ruhig
beschrieben werden. Vor neuen Aufgaben allerdings stand der Ekkharthof
ständig- richtigerweise! Einiges sei hier herausgegriffen:
Eine besondere Herausforderung, mit der man sich immer wieder auseinander-zusetzen
hatte, betraf junge, dem Ekkharthof anvertraute Menschen, die zu
grös-serer als im Heimbereich möglicher Selbständigkeit geführt
werden sollten. 1989 wurde darum in Steckborn in einem gemieteten
Haus eine weitere Aussenstelle - die Kleine Freiheit - eröffnet, in
welcher dieser Aufgabe seither ideal entsprochen werden kann. Im
Zuge einer Konzeptänderung zog die Kleine Freiheit am 1. April 1997
nach Kreuzlingen und belegt dort in einem Wohnblock 3 Mietwohnungen.
Augenfälligste Neuerungen auf dem Ekkharthof-Gelände waren im erwähnten
Zeitraum die Schaffung von neuem Mitarbeiterwohnraum, sowie bauliche
Erweiterungen der Gärtnerei und Sanierungsarbeiten an der bestehenden
Anlage.
Selbstverständlich waren und sind die dauernden Bemühungen um eine
möglichst gute Betreuung, Arbeitsplatzgestaltung und Schulung der
BewohnerInnen.
Entwicklungen im Bereich des Lebendigen sind bekanntlich nie abgeschlossen.
Gefestigte Formen werden durch oft unvorhersehbare Einflüsse aufgelöst,
bis sich wieder das für den nächsten Augenblick Richtige bildet.
Dieser Vorgang ist natürlich und wichtig. Dass so auch der Ekkharthof
- bedingt durch innere und äussere
Gründe - in gewisser Hinsicht wiederum in eine Phase des Aufbruchs
kommen
würde, war ab 1991 zunehmend spürbar.
So wurde im Sommer 1992 eine neue Struktur eingeführt, die den Ekkharthof
in 4 Sektionen mit Bereichen und Wohngruppen gliedert. Dadurch
konnten sich die einzelnen Sektionen neu gestalten und eine eigene Identität
finden. Dazu kam ein noch höher angestiegener Schuldenberg, der
mit gezielten Massnahmen abgebaut werden musste.
Heute sind diese Richtungen geklärt. Die horizontal eingeführte
Struktur verlangt jedoch wieder mehr dem Leben angepasste Verbindungen
und Beziehungen, die über die einzelnen Bereiche hinausgehen. Der
Schuldenberg konnte in den letzten Jahren massiv abgebaut werden
- es werden jedoch noch einige weitere Jahre vergehen, bis er auf
einem tragbaren Mass angelangt ist.
1993 konnte die Aussenstelle Sonnenlinde in Berg mit 8 Wohn- und
9 Arbeitsplätzen eröffnet werden. Mit dieser Realisierung wurde
wiederum einem akuten Bedürfnis nach Wohnheimplätzen entsprochen.
Eine seit Jahren problematische Situation, vor allem in administrativen
- aber auch in (päd)agogischen - Belangen, ergab die Durchmischung
von Kindergartenkindern, Schülern, Jugendlichen und Erwachsenen
im Bereich des Wohnens. 1993 wurde der Beschluss gefasst, eine klare
Trennung zwischen dem Sonderschulinternat und dem Erwachsenenwohnheim
zu vollziehen.
Da keine schnellen Lösungen angestrebt wurden, die für einige BewohnerInnen
mehrmalige Gruppenwechsel bedeutet hätten, konnte die endgültige
Trennung erst im Sommer 1997 abgeschlossen werden. Dazu kam die
kantonale Bedarfsplanung, die die Plätze des Ekkharthofs sowohl
im Wohnheim (mit 93), wie auch in den Werkstätten (mit 119) festschreibt.
Wollte der Ekkharthof nicht in wenigen Jahren seine Ausbildungsplätze
für IV-Anlehrlinge verlieren, mussten klare Austritts-regelungen
mit den gesetzlichen Versorgern getroffen werden. Heute können die
meisten Kinder, die die Sonderschule verlassen, in eine Ekkharthoflehre
übertreten. Danach müssen sie jedoch den Ekkharthof verlassen. Diese beiden
Veränderungen - Trennung Kinder/Erwachsene und Austritt der Lehrlinge
- hat sehr viel Unruhe in das Leben des Ekkharthofs gebracht. Doch
hier sind nun nach diesen Übergangszeiten auch klare Richtlinien
vorgegeben.
Seit der Einführung der neuen Strukturen im Jahre 1994 wechselte
der Ekkharthof von der Pionierphase in die Differenzierungsphase.
Viele Reglemente entstanden. Ebenso wurde im 1. Quartal 1998 eine
Betriebsanalyse durchgeführt, die zum Ziel hatte, diese neuen Strukturen
zu überprüfen, was im Grossen und Ganzen bejaht werden konnte.
Ende 1996 wurde bekannt, dass eine Arbeitsgruppe an der Entwicklung
eines Qualitätsverfahrens arbeitete, welches dort, wo eine freie, der
individuellen Situation angepasste Handlung verlangt wird, keine
Standards vorgibt. Die Mitarbeitenden konnten sich schnell für dieses
Verfahren erwärmen, und so entschied sich die Heimleitung Ende 1997,
das neue Qualitätsverfahren einzuführen. Mit Hilfe des Unternehmensberaters
Udo Herrmannstorfer sind schon einige Weiterbildungen zu verschiedensten
Themen erfolgt. Es ist ein grosses Interesse bei allen Mitarbeitenden
an diesem Verfahren zu spüren, da viele grundlegenden Fragen aufgegriffen
und neue Antworten gesucht werden.
Die Eltern
Die dreiunddreissig-jährige Geschichte des Ekkharthofs wäre ohne
seine Elternschaft nicht denkbar. Seit der Gründung, und wohl schon
vorher, haben die Eltern, viele davon sehr im Vordergrund, an der
Geschichte unseres Heims mitgewirkt. In der Sorge um die Zukunft
ihrer Kinder, aber auch um das Los der Seelenpflege-bedürftigen
Menschen im Allgemeinen, haben sie immer wieder ganz konkret dem
Ekkharthof beigestanden. Seit 1979 unterstützt die eigens dazu ins
Leben gerufene Vereinigung der Eltern und Freunde Ekkharthof (VEFE) den Ekkharthof tatkräftig, ideell und
wirtschaftlich.
Im Mittelpunkt steht der Mitmensch
Abschliessend noch eine Bemerkung zu der inneren Geschichte des
Ekkharthofs:
Im Mittelpunkt stand und steht der Seelenpflege-bedürftige Mensch.
Das Menschenbild, das hinter jeder Haltung und Tätigkeit in Bezug
auf die dem Ekkharthof anvertrauten Menschen steht, ist für Atmosphäre,
Stil und Qualität des Umgangs aller untereinander ausschlaggebend.
Im Ekkharthof versucht man, wie eingangs erwähnt, seit Beginn die
aus dem Menschenbild der Anthroposophie hervorgegangene Heilpädagogik
und Sozialtherapie zu verwirklichen. Dass all die vielen Mitarbeitenden,
die im Laufe der Zeit im Ekkharthof tätig waren und es heute noch
sind, ihr eigenes Bild in sich tragen und es auf ihre Weise zu verwirklichen
versuchen, ist naheliegend.
Das Bemühen, den Zielen des Ekkharthofs, im engeren Sinne der
anthroposophischen Heilpädagogik, nahe zu kommen, ohne mit dem
eigenen inneren Bild in Konflikt geraten zu müssen, ist ein Gebot
der Zeit. Im Mittelpunkt steht der Mitmensch. Die Grundvoraussetzungen
zur Mitmenschlichkeit wiederum sind universell.
Heimleitung, Mitarbeiter und Bewohner des
Ekkharthofs
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